Einzigartige Darstellung eines weltlichen Themas

Heraklius-Wandmalereien in der Evangelischen Kirche Fraurombach sind ein herausragendes Kunst- und Kulturdenkmal - Förderverein sucht Mitstreiter
Ralf Dörschner
 
SCHLITZ-FRAUROMBACH. Von einem "Schatz" in Fraurombach hatte Margit Krenn am Telefon gesprochen. Nach einer Autofahrt, die durch das idyllische Vogelsbergstädtchen Schlitz mit seinen Burgen führt, bestätigt sich dieses Versprechen: Die Wandmalereien im Inneren der evangelischen Kirche des Ortes sind ein bedeutendes Kunst- und Kulturdenkmal. Um 1330 entstanden, stellen sie die mittelalterliche Legende über die Lebensgeschichte des byzantinischen Kaisers Heraklius dar. Der hatte die von den Persern geraubte Reliquie des Heiligen Kreuzes zurückerobert. Im Mittelalter ist er deshalb im Zusammenhang mit der Heilig-Kreuz-Legende als der erste Kreuzritter bekannt geworden.

Die Frankfurter Kunsthistorikerin Krenn hat sich mit dem Bilderzyklus eingehend beschäftigt - und sich dabei in das großflächige Kunstwerk verliebt. Deshalb engagiert sie sich im "Förderverein Heraklius-Wandmalereien in der evangelischen Kirche Fraurombach", dessen Vorsitzende sie ist. Einige Mitglieder des Vereins haben sich an diesem Nachmittag dazu bereit erklärt, dem Besucher die Kirche und die Malereien zu erklären. Man merkt Gemeindepfarrer Jürgen Füg, Wilhelm und Dorothee Hoch, Hans Feick sowie Monika und Brigitte Lips deutlich an, dass sie Margit Krenns Begeisterung für die Kirche teilen.
Fraurombachs Geschichte führt weit in die Vergangenheit: In der von Eigil von Fulda verfassten Schrift "Vita Sturmii" (die Lebensgeschichte des Sturmius) wird der Ort namens "Ruhenbah" erstmals erwähnt. Danach hatte Sturmius im Auftrag seines Lehrers Bonifatius zunächst diesen Ort für die Gründung eines Klosters in Erwägung gezogen, bevor im Jahr 743 letztendlich Fulda dazu bestimmt wurde. Im heutigen Fraurombach wurde zu einem späteren Zeitpunkt eine Kapelle errichtet. 1345 wurde diese Kapelle der Mutter Gottes ("Zu unserer lieben Frau") schließlich zur eigenen Pfarrkirche erhoben. Aus dem Kirchentitular entwickelte sich der Ortsname Frauwenrombach.
Die kleine Kirche, die noch heute den Schatz der Kirchengemeinde beherbergt, erfreut nicht nur Kunsthistoriker. Das romanische Langhaus wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts erbaut. In gotischer Zeit wurde ein Rechteckchor angeschlossen und ein gotischer Spitzbogen als Triumphbogen eingezogen. Später wurde die Sakristei an den Chorraum ergänzt und im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts ein Fachwerk-Obergeschoss errichtet. Nachdem im Jahre 1901 Reste von Wandmalereien entdeckt worden waren, kürzte man die Emporen, um bereits 1902 die Malereien freizulegen und erstmals zu sichern. Der freigelegte, in drei Registern aufgebaute Bildzyklus befindet sich auf der Triumphbogenwand und auf jeweils zwei bis drei Metern der anschließenden nördlichen und südlichen Langhauswand.
Der Bildzyklus in Fraurombach veranschaulicht, wie zahlreiche andere Beispiele in der mittelalterlichen Literatur und Kunst, den Kampf des Heraklius gegen die Perser und die Rückführung des Kreuzes nach Jerusalem. Allerdings geht die Fraurombacher Version weit darüber hinaus. Es ist das einzige erhaltene Kunstwerk, das in Anlehnung an den mittelhochdeutschen Versroman "Eraclius" des Meister Otte aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts auch die Episoden von Wundern aus der Kindheitsgeschichte des Kaisers bebildert. Als weitere Besonderheit wird hier der Ehebruch der Kaiserin Athanais gezeigt.
Die einmalige Übertragung dieser literarischen Geschichte in die bildende Kunst zeichnet den Fraurombacher Heraklius-Zyklus aus. Die Darstellung einer so weltlichen Thematik im Innern einer Kirche ist einzigartig.
Es ist eine umfassende Aufgabe, den Bildzyklus mit dem Gebäude, zu dessen Schmuck er einst geschaffen worden ist, zu erhalten. So wurde vor kurzem erst der Dachstuhl der Kirche saniert. Im Zuge einer konservatorischen Maßnahme, die vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen veranlasst und im August vergangenen Jahres mit Unterstützung des Fördervereins realisiert worden ist, sind neue Schäden an den Wandmalereien entdeckt worden - Risse und größere Hohlstellen zwischen Putzschichten und der Wand wurden sichtbar. Dadurch sind neue konservatorische Arbeiten am Wandmalereibestand dringend notwendig.
"Vor unseren Augen geht ein herausragendes Kulturgut unserer Region verloren, wenn nicht geeignete Maßnahmen zur Instandhaltung des Heraklius-Zyklus ergriffen werden", sind sich die kunstbegeisterten Fraurombacher sicher. Die finanziellen Mittel zur Erhaltung könne die kleine evangelische Kirchengemeinde nicht aus eigener Kraft aufbringen. Deshalb hat sich im November 2004 der Förderverein gegründet, der die Gemeinde bei ihrer fortwährenden Aufgabe, die Wandgemälde und die damit verbundene Bausubstanz instandzuhalten, finanziell unterstützen will. Beim Gründungsgottesdienst unterstrich Kirchenpräsident Professor Dr. Peter Steinacker durch seine Anwesenheit die Bedeutung des Projekts.
"Mit einem umfassenden Förderkonzept für eine breitenwirksame Öffentlichkeitsarbeit soll der Bekanntheitsgrad dieses Kunstdenkmals gesteigert werden, um Förderer zu gewinnen und zusätzliche Finanzmittel zu erwerben", meinte der stellvertretende Vorsitzende Wilhelm Hoch. "Menschen, die sich für die Wandmalereien interessieren", betont Gemeindepfarrer Jürgen Füg am Ende des Besuchs, "können ohne vorherige Anmeldung die Kirche besichtigen - sie steht jederzeit offen."
Weitere Informationen gibt es beim Förderverein Heraklius-Wandmalereien in der Evangelischen Kirche Fraurombach, "Buisch ahl Huss", Sandlofser Straße 2, 36110 Schlitz-Fraurombach. Ansprechpartner sind Margit Krenn (Telefon 069/78800037, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) sowie Wilhelm und Dorothea Hoch (Telefon 06642/919696). Führungen können mit Hans-Günther Pfeiffer unter 06642/367 vereinbart werden.




Der Heraklius-Zyklus erzählt von der Geschichte des byzantinischen Kaisers, der die geraubte Reliquie des Heiligen Kreuzes zurückeroberte.

Veröffentlicht im Giessener Anzeiger am 19.07.2007

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