Die Viola und die Heraklius-Wandmalereien in der Fraurombacher Kirche: Konzert "Zauberhafte Viola" im Rahmen des "Mittelhessischen Kultursommers"

Barocke Violamusik aus Sachsen: Ulrich von Wrochem (Viola), Begleitung am Cembalo durch Rudolf Kelber.

SCHLITZ (gh). Am Samstag, dem 17. Juni, um 17 Uhr hatte der Förderverein Fraurombacher Wandmalereien zu einem Kammerkonzert in sein schönes Kirchlein eingeladen. Als Künstler konnte der Verein den Bratscher Ulrich von Wrochem und den Cembalisten Rudolf Kelber, beide aus Hamburg, gewinnen. Die Landesmusikakademie hatte ihr Cembalo zur Verfügung gestellt.Gefördert wurde die Veranstaltung durch den "Mittelhessischen Kultursommer" des Regierungspräsidenten sowie durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen unterstützte das Projekt finanziell. Dem Fraurombacher Förderverein war es mithin gelungen, kultur-politische und wirtschaftliche Kräfte unserer Gesellschaft beispielhaft und wirkungsvoll für sein Ziel, die Erhaltung des kostbaren Heraklius-Bilderzyklus' in der Fraurombacher Kirche, zu bündeln. Eine vorbildliche Arbeit!

Für dieses Gelingen zeigte sich auch die 1. Vorsitzende des Fördervereins Margit Krenn in ihrer Begrüßungsrede im voll besetzten Kirchenraum sehr dankbar. Sie wies noch einmal auf die Ziele ihres Fördervereins hin und bedankte sich besonders bei dem Musiker Ulrich von Wrochem. Dieser war vor Wochen bei der Besichtigung der Freskenmalereien so beeindruckt gewesen, dass er spontan anbot, für ein Konzert dem Förderverein zur Verfügung zu stehen
So ergab es sich folgerichtig, dass er im mittleren Teil des Programms in einer Uraufführung dem Herakliuszyklus eine eigens für dieses Konzert geschriebene Komposition widmete. Als 'Improvisationen über den Herakliuszyklus' war sie im Programm angekündigt.
Demnach hatte von Wrochem aus der Kaiser Herakliuslegende, wie sie in den Wandmalereien Fraurombachs erzählt wird, sechs Stationen herausgefiltert: Sklavenmarkt, 1000 Goldstücke, Pferderennen, Steinprobe, Klage im Turm und Einzug in Jerusalem. Dabei bedient er sich gewisser Methoden und musikalischer Parameter der 'Neuen Musik', wie die nach 1950 entstandene Richtung zeitgenössischer Musik, die in Nono, Stockhausen, Cage und Ligeti ihre bekanntesten Protagonisten fand, bezeichnet wird.
Auch von Wrochem löst sich, wie jene, aus dem Zwang serieller, traditioneller Musik und wendet sich einer Praxis zu, die dem ausführenden Musiker im Rahmen einer vorgegebenen Grobplanung alle Möglichkeiten der Spontaneität und Zufälligkeiten überlässt. Es entstehen somit neue musikalische Formpartikel, die für das Ohr des Zuhörers sehr ungewohnt, "sehr gewöhnungsbedürftig" sind, wie mir eine Konzertbesucherin nach der Veranstaltung sagte. Mehr noch: Von Wrochem hat sich dazu entschieden, die musikalischen Vorgänge zusätzlich zu inszenieren, also theatralisch in Szene zu setzen. So fühlt sich der Konzertbesucher jäh zurückversetzt in die mittelalterliche Welt der Gaukler, Spielleute und fahrenden Sänger; in die Zeit also, in der die Fraurombacher Wandmalereien entstanden sein mögen.
Von Wrochem bedient die Instrumente dabei auf äußerst experimentelle Weise: Die Viola wird z. B. hinter dem Steg gestrichen und zur Kratzsäge degradiert, so dass ohrenzerreißende, schmerzerzeugende Geräusche entstehen. Der Bogen schlägt auf zufällig vorgefundene Materialien und erzeugt ametrische Strukturen. Die Bogenhaare hängen zerfetzt an der Bogenstange. Von Wrochem erledigt alles mit Verve. Statt der spielenden Finger zieht ein faustgroßer Stein (im Satz 'Steinprobe') über die Saiten und erzeugt dissonante Tontrauben (Clusters). Rudolf Kelber ist behilflich und erzeugt nach Grobanweisung Glissandi und Dissonanzen auf dem Cembalo und undefinierbare Clusters auf der Orgel, meist laut und schrill. Das Zusammenspiel ist hart. Haptisch wühlen beide Musiker in einem Behälter mit Münzen herum und werfen einige davon wahllos ins Auditorium. Mit den Stimmbändern wird geschrien, gekreischt, gejuchzt. Wortfetzen (im Satz 'Klage im Turm'). Die Seitentür der Kirche wird krachend zugeschlagen und von Wrochem erscheint wieder durch den Hintereingang zum 'Einzug in Jerusalem'.
Die Konzertbesucher verfolgen das musikalische Spektakel meist zunehmend belustigt und stimmlich partizipierend. Sie bleiben allerdings ein wenig ratlos und allein gelassen zurück Dennoch viel Beifall am Ende dieser Uraufführung, sogar einige Bravorufe.
Ulrich von Wrochem benutzt seine Viola natürlich nicht nur für solche neoarchaischen Musikbeispiele. Er spielt auf einer sehr schönen und warm klingenden Viola aus der allemannischen Geigenbauschule um 1700. Sie eignet sich hervorragend für die barocken und vorklassischen Werke des Programms.
In der Sonate D-Dur von Gaetano Brunetti (1744-1798), einem italienischen Violinisten und Zeitgenossen Boccherinis, brauchen beide Musiker zunächst noch ein wenig Zeit, um im Zusammenspiel zueinanderzufinden.
Rudolf Kelber, Kirchenmusiker an der Hamburger St. Jakobi Hauptkirche, ist kurzfristig für die ausgefallene Cembalistin eingesprungen und erweist sich als vorzüglicher Begleiter. Sehr sicher und authentisch in der Artikulation und "silbrig" in der Tongebung setzt er von Beginn an Impulse und befindet sich ständig auf Entdeckungsreise nach innermusikalischen Vorgängen und sinnlichen Strukturen.
Seine Interpretation des Prelude aus der Englischen Suite von J. S. Bach ist ein Ohrenschmaus und gewährt dem Zuhörer einen wunderschönen Einblick in die Musikwelt des großen Meisters der Generalbasszeit.
Ulrich von Wrochem spielt das gesamte Programm auswendig. Eine beachtliche musikalische und energetische Leistung. Virtuos trägt er die sechs Sätze der Suite Nr. 3 C-Dur von J. S. Bach vor. Besonders gelungen erscheinen mir die Sätze Bouree I, II und Sarabande, wo die Vorzüge seines Spielens, das Legatospielen, zur Entfaltung kommen. Hier, im atmenden Fließen der musikalischen Bewegung gewinnt sein Spiel eine besondere Wirkung und erreicht die Seele des Zuhörers.
Zuweilen auftretende, leichte Intonationsschwankungen sowie bestimmte Unausgewogenheiten in der Bogentechnik (von Wrochem spielt vorzugsweise in der oberen Bogenhälfte, was aus Schwerpunktsgründen gewisse artikulatorische Probleme bei schneller Spielweise z. B. beim Spiccato hervorruft) trüben den Gesamteindruck seines Violaspiels nur unwesentlich.
Als musikalischer Höhepunkt des Konzertes erweist sich die Sonate g-moll von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788). Der zweitälteste Sohn von J. S. Bach zeigt sich in diesem wundervollen Werk als Meister geistvollen Verwebens und Verwandelns von mannigfaltigen Themen und Motiven. Er entwickelt und spinnt seine schöpferischen Einfälle aus zu überraschenden, rhythmischen, harmonischen und dynamischen Kontrasten und Klanglagenwechseln. Von Wrochem und Kelber befinden sich nun auf der Höhe ihrer musikalischen Spannkraft. Besonders im Larghetto können sie ihre volle künstlerische Reife entfalten. Es gelingt ihnen im Dialog, wunderschöne, weite Melodien zu spannen und expressive oder nach innen gewandte Passagen zu spinnen. Musik voller Seligkeit. Der schönste Teil des Konzerts!
Lang anhaltender Beifall.
Die beiden Künstler bedanken sich mit einem Kanon-Satz von G. Ph. Telemann (1681-1767) als Zugabe, innige Musik von ikonenhafter Einfachheit. Dem Förderverein Fraurombacher Wandmalereien, der dieses Projekt so umsichtig begleitet hat, sei herzlich Dank gesagt.
Bleibt zu wünschen, dass die Arbeit des Vereins weiterhin so erfolgreich sein möge, damit die Erhaltung eines so kostbaren Kulturdenkmals wie die Fraurombacher Wandmalereien in unserer Region gesichert bleibt.



Blick auf ein gut besuchtes Konzert in der Fraurombacher Kirche.

zum Originalartikel (Schlitzer Bote, 22.06.2006)

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